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  • AutorenbildMarion Marquardt

Was alles nicht so läuft – ein ehrliches Resümee über misslungene Projekte in Patagonien

Aktualisiert: 2. Apr. 2023

Von orkanartigem Wind, über geflutete Wege, bis zu Schnee im Sommer – das patagonische Wetter ist nicht zu unterschätzen
Reisen abseits der Massen erfordert eigene Logistikplanung – das harte Brot abseits von zahlungswilligen Standardtouristen
Informationsengpässe und gewollte "Informations- Asymmetrie" führen immer wieder zu Überraschungen
Von benötigten Genehmigungen (Permits), und dem Zuständigkeitschaos der Ämter - Chile steht in Punkto Bürokratie ganz oben

Wir sind nun gut 4 Monate in Patagonien unterwegs, immer noch im südlichen Patagonien, wohlgemerkt. Diese Gegend ist einfach so wunderschön und besonders; es gibt unendlich viele Möglichkeiten und Dinge zu sehen. Wir haben Ideen über Ideen, und je länger wir dort sind, desto mehr kommen uns. Nicht alles lässt sich allerdings immer so einfach realisieren. Wir wollen einmal offen über misslungene Expeditionen, unmöglich zu erreichende Orte und andere Hindernisse sprechen.


Was uns vorher schon bewusst war, ist, dass das unberechenbare patagonische Wetter einen Strich durch die Rechnung machen kann. Das ist wohl bekannt. Die ersten Monate, Dezember bis Februar, hatten wir aus unserer Sicht viel Glück mit dem Wetter. Kaum müssen wir auf gute Wetterfenster warten. Der Wind ist zwar ständiger Begleiter, allerdings regnet es fast nie und oftmals ist es sogar wärmer als wir erwartet hätten. Spätestens ab Ende Februar sollte sich das allerdings ändern.


Das Trekking bei Villa Cerro Castillo über die gleichnamige Bergkette brechen wir ab. Das knappe 3-tägige Wetterfenster ist schlechter als vorhergesagt. Bei knapp über 0 Grad stehen wir auf 1.437 m vor der Gletscherlagune im Nebel und Nieselregen. Es bringt nichts, hier auf bessere Sicht zu warten. Wir steigen also mit unser Ausrüstung und Verpflegung, ausgelegt für 3 Tage, wieder ab. Paradoxerweise muss man sagen, dass wir eigentlich einen Tag eher loswollten - bei bestem Wetter und Sonnenschein. Zugegeben, einige Zuwege waren durch den vorangegangenen Starkregen überflutet, aber kein echtes Hindernis. Wir haben diese mehrere Kilometer zu Fuß durchquert (ja, es war arschkalt, aber machbar) nur um dann an jedem Kontrollposten von Parkrangern abgewiesen zu werden. Mit dem Hinweis, dass heute „wegen schlechtem Wetter“ geschlossen ist. So was ist im Nachhinein umso ärgerlicher, wenn es dann am nächsten Tag wirklich besch… ist.



Für unsere Expeditionen auf das Nordpatagonische Eisfeld brauchen wir das perfekte Wetter. Wir hatten vor, den nördlichen Teil von der Laguna Leones zu erreichen und auf dem sogenannten Punta de Camillo zu campen. Dafür allerdings muss man den See queren, eine Strecke von etwa 9 km. Wir kennen inzwischen patagonische Winde und haben gesehen, dass so manches Seeufer bei entsprechenden Windgeschwindigkeiten zum Wellenreiten einlädt. Von einer Querung mit dem aufblasbaren Wanderkajak bei angesagten 70 km/h sehen wir lieber ab. Zudem das Wetter auf dem Eisfeld Schnee und Nebel verspricht. Versteht uns nicht falsch, wir sind durchaus bereit, auf ein Wetterfenster zu warten und kalkulierbare Risiken einzugehen. Ende Februar war die Vorhersage leider so: 1 Tag akzeptabel, 5 Tage richtig schlecht, und so weiter.


Ähnlich erging es uns beim Circo de los Altares, einer 6-8 tägigen Querung des südpatagonischen Eisfeldes hinter dem Fitz Roy und Cerro Torre, von El Chalten aus. Leider hatten wir nur für max. 3,5 Tage passables Wetter, die Park Ranger dramatisierten die Lage und warnten vor einem Schneesturm und den möglichen Folgen. Ausschlaggebend für den Abbruch der Expedition war allerdings vorrangig die Schwierigkeit. Der Zustieg zum Marconi Gletscher beinhaltet einige ungesicherte Kletterpassagen. Diese in Kombination mit unserem Schuhwerk, haben die Tour zum Scheitern verurteilt. Das müssen wir allein uns zuschreiben. Wir waren nur mit klobigen, steigeisentauglichen Bergsteigerstiefeln unterwegs und haben auf ein zweites Paar Schuhe wegen dem zusätzlichen Gewicht verzichtet. Für präzises Klettern mit schwerem Gepäck auf dem Rücken waren die schweren Stiefel absolut untauglich. Umso schwieriger für uns, diesen Niederschlag einzustecken. Hier können wir es nicht auf das Wetter schieben. Das gibt uns beiden als ehrgeizige Personen schon arg zu nagen…

Das lernten wir schon auf dem Weg in die Antarktis, Lila ist nicht gut:-) Windprognosen von bis zu 53 Knoten (ca. 100km/h)

Circo de los Altares El Chalten Fitzroy Cerro Torre Expedition
Auf die richtigen Schuhe kommt es an..

Apropos, Schuhe mit Steigeisen. Auf dem Weg zum Pass des Monte San Lorenzo in Chile haben wir uns trotz ausgiebiger Studien von Satellitenbildern dazu entschieden Steigeisen und Pickel nicht mitzunehmen. Laut Aussagen von einigen Ortsansässigen wären diese nicht notwendig, es würde einen Weg an den Gletschern vorbei geben. Tja, ca. 100 Höhenmeter vor unserem Ziel stehen wir vor einer Gletscherwand, die unmöglich ohne Steigeisen zu bezwingen ist. Naja zumindest spielt der Wind zum richtigen Zeitpunkt mit und wir können unsere Drohne steigen lassen.



Auch Feuer hat uns schon einmal (fast) einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auf dem Huemul Trek in El Chalten ist just ein paar Tage vor unserer geplanten Wanderung ein Feuer auf einem der Camps ausgebrochen. Verursacht leider durch einen Touristen, der achtlos eine Zigarettenkippe weggeworfen hat. Durch die längere Trockenheit sowie konstanten Wind hat sich das Feuer rasend schnell ausgebreitet. Glücklicherweise haben es die Ranger innerhalb von 4 Tagen unter Kontrolle gebracht. Die offizielle Aussage war allerdings immer noch, dass der Trail wegen eines Brandes geschlossen ist. Wir sind trotzdem losgelaufen, gebrannt hat Nichts mehr. Das besagte Camp auf dem Huemul Trek war aber natürlich unbenutzbar, so dass wir in einem Ausweichcamp einige Kilometer weiter übernachten mussten. Die Spuren des Brandes waren deutlich zu sehen und es wird vermutlich einige Zeit brauchen, bis sich die Natur erholt hat.


Waldbrand wild fire Huemul Trekking Patagonia el chalten
Links unten im Bild sieht man den frischen Waldbrand :-(

Soviel zu höherer Gewalt oder Natur. Allerdings waren das nicht die einzigen Gründe für gescheiterte Projekte. Vor allem in Chile ist es unglaublich schwer, Auskünfte über weniger touristische Touren und Gegenden zu bekommen. Man muss sagen, dass Chile - im Vergleich zu Argentinien – sehr gut darin ist, seine Naturwunder zu vermarkten. Der Torres del Paine Nationalpark beispielsweise ist komplett „gemanaged“, sowohl durch die Parkverwaltung als auch private Anbieter. Jeder Campingplatz auf den Trails ist reservierungspflichtig. Alles wird strengstens kontrolliert – natürlich auch zum Wohle der Natur, keine Frage. Dennoch, die Chilenen langen hier kräftig zu. Wir versuchen vor allem, Abseits der Touristenmassen zu reisen. Uns interessieren die besonderen Orte, die oftmals schwierig zu erreichen sind. Über diese „hidden gems“ bekommt man allerdings kaum Information und die Logistik wird schnell unbezahlbar.


Ein Beispiel. Wir wollen zum Piu XI Gletscher – dem größten Gletscher Chiles. Er liegt im Süden, inmitten der patagonischen Fjord- und Gletscherlandschaft des O’Higgins Nationalpark. Unser Plan: Mit der Fähre nach Puerto Eden, von dort den Fjord queren, dann etwa 27 km zu Fuß (ohne Pfad) und weiter mit dem Kajak zum Gletscher. Eine etwas längere Expedition, aber durchaus reizvoll. Nur gab es einige Lücken in der Machbarkeit. Wir benötigten

  1. einen Bootstransfer über den Fjord (etwa 9 km einfach); wie ihr vorher schon gelesen habt, kann man nicht alle Strecken einfach so mit dem Kajak überqueren

  2. Informationen über das Gelände

  3. Kajaks oder Packrafts, um den Gletscher zu erreichen

  4. Fährentickets nach Puerto Eden, die allerdings konstant 6 Wochen im Voraus ausverkauft sind.

An Kontakte kommt man in Chile einfach. Einer reicht aus, und in der Regel potenziert er sich, über Freunde, die gehört haben etc. Ihr wisst schon :-) So hatte ich zwischenzeitlich über 20 Chats zu dieser einen Expedition am laufen. Alles auf Spanisch versteht sich. Mit Englisch kommt man nicht weit. Rund 80% verstehen es nicht, und der Rest will es nicht verstehen. Zumal ich es selbst gerne vermeide, aus Respekt gegenüber Land und Leute und, um nicht direkt den "Standardtouristen-Stempel" aufgedrückt zu bekommen. Übrigens, auch hier sind Sprachnachrichten sehr beliebt. Eine Herausforderung für mein Spanisch im Anfängerstadium. Und beim chilenischen Akzent gepaart mit Genuschel, versagt auch die Google Transkription.


Nun ja. Aber auch inhaltlich war es sehr mühsam. Zunächst wird man auf die Standardtouristen Schiene geschoben… „es gibt da doch eine Kreuzfahrt für 3.000 € pp. all inklusive…“ Nachdem man zum x-ten Mal jedem erklärt hat, wie man es sich vorstellt, folgen dann Herausforderungen wie Preisverhandlung. Auch hier wird kräftig zugelangt. So werden für den besagten Fjordtransfer (hin und zurück) schon mal um die 700 € veranschlagt. Ich stelle die logistische Herausforderung gar nicht in Frage. Und man muss fairerweise sagen, es ist die einzige Möglichkeit, den Fjord zu queren. Dennoch… Long story short. Parallel mit drei Anbietern Machbarkeit, Preise und Verfügbarkeit verhandeln, Packrafts oder Kajaks zu organisieren und das ganze mit verfügbaren Fährentickets unter einen Hut zu bringen, hat mich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Wir waren kurz davor, eigene Packrafts zu kaufen.


Von unserem Kajak wussten wir nach der Expedition am Rio Serrano (>>> siehe unser Blog), dass es für diese hier - im wahrsten Sinne - eine „Nummer zu groß“ ist :-). Letztendlich haben wir das Projekt schweren Herzens bleiben lassen. Alles in allem wären wir nicht unter 1.500 € weggekommen – und da hätte uns immer noch Wetter, Gelände oder unser eigenes Vermögen zum Scheitern verurteilen können. Das ist nur ein Beispiel. Ich bin diejenige von uns, die kommuniziert und bei jeder etwas ausgefalleneren Idee, läuft es ähnlich. Leider. Unser Ziel war eigentlich, durch eigene Ausrüstung, die wir dabei haben, unabhängig zu sein. Allerdings ist hier sooft, viel mehr als nur ein Kajak, Seil oder Steigeisen gefragt.


Am Rio Serrano war Micha mit 30 kg auf dem Rücken am Limit



Apropos, für gewisse Expeditionen hatten wir natürlich auch in Erwägung gezogen, einen Guide zu buchen. Auch hier landet man immer beim Standardpaket inklusive Transport von der nächstgrößeren Stadt, 3 Mahlzeiten am Tag, Versicherung, Ausrüstung etc. Sämtliche Verhandlungen, um den Preis auf das für uns Nötige - nämlich in dem Fall einen Guide – zu reduzieren, scheitern. Es gibt halt leider viel zu viele Touristen, die bereit sind, ohne mit der Wimper zu zucken, die Mondpreise zu zahlen und das Geschäft am Laufen zu halten. Wirklich sehr schade!


Von einigen Sehenswürdigkeiten wurden wir auch schlichtweg enttäuscht - allen voran das Valle Cochamo, das als "Yosemite" Chile's gehypt wird. Ähnlich wird es auch gemanaged. Die Preise für die Campingplätze im Tal haben es in sich. Überhaupt wird hier auf jedes Bedürfnis eingegangen, so kostet sogar der Toilettenbesuch auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz extra. Zu guter Letzt ist das Basecamp im Valle Cochamo von Wespen "befallen". Und zwar von einer ganz besonders aggressiven Art. Nach 5 Minuten habe ich mir zwei schmerzhafte Stiche eingehandelt. Wir können nur vermuten, dass es am falschen Abfallmanagement liegt... Das Tal an sich mit seinen hunderte Meter hohen Granitfelsen erinnert in der Tat an den Yosemite Nationalpark in den USA. Allerdings kann man die Aussicht nur auf wenigen hohen Bergen genießen. Der Weg dorthin führt stundenlang (genau gesagt 9 Std einfach, nur mit 2 Übernachtungen im Basecamp möglich) durch matschigen, schattigen Regenwald steil bergauf über 1.700 Höhenmeter auf die Gipfel. In Summe stehen aus meiner Sicht Energie und Kosten in keinem Verhältnis. Und letztendlich verliere ich auf der Wanderung auch noch meiner geliebtes, nagelneues Basecap von Patagonia - ein Geburtstagsgeschenk! Micha zertrümmert kurzerhand aus Wut über den zweiten Cut am Schienbein einen Wanderstock.


Apropos, unsere Materialverluste sind nicht zu unterschätzen. Verlorengegangene Taschenlampen und Jacken, kaputte Wanderstöcke und verschlissene Hosen sind nur ein paar Beispiele. Mein Handy, das beim Kajakfahren (samt mir) ins Meer gefallen ist, konnte ich immerhin dank einer chemischen Reinigung im Fachgeschäft nochmal reaktivieren. Puh!


Und dann gab es noch die chilenische Bürokratie. Seit wir im chilenischen Teil von Feuerland mit dem Auto unterwegs waren, wollten wir nach Yendegaia. Ganz am südlichsten Zipfel des Kontinents gelegen, ist es momentan noch nicht ans Straßennetz angebunden. Es liegt inmitten des Alberto Agostini Nationalpark, am Fuße der Darwinkette, eingebettet in eine malerische Landschaft aus Flüssen und Gletschern. Theoretisch ist der Ort über eine Fähre, die einmal pro Woche von Punta Arenas nach Puerto Williams fährt, zu erreichen. Theoretisch, wohlgemerkt. Angehalten wird in Yendegaia nur manchmal, und zwar mit vorliegender Genehmigung. Wir haben uns tatsächlich die Mühe gemacht, diese zu bekommen. Auch hier wurden wir allerdings von Pontius zu Pilatus geschickt. Die Fährgesellschaft braucht eine Genehmigung der örtlichen Polizei, die wiederum vom chilenischen Militärkorps, der für den Straßenbau zuständig ist, und der wiederum von der Nationalparkverwaltung CONAF. Letzten Endes entscheidet letztere auf Basis von Ausnahmegenehmigungen u.A. bei Bildungszwecken, die wir versuchen über die Fotografie als auch über unsere Kontakte zu erwirken. Ihr könnt es Euch vorstellen, vergebens. Ich war einmal mehr in eine Kette von konfusen Konversationen verstrickt.




Letztendlich schreiben wir auch diese Expedition auf unsere Bucketlist. Und irgendwann kommen wir zurück und hoffentlich lässt sich die eine oder andere ja doch noch realisieren!


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