Gute Zeiten, schlechte Zeiten
- Marion Marquardt

- 12. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
"Dónde están los baños ?" - ich frage den Mann unter der Blechhütte, wo das Klo ist. Er zeigt in die Ecke, hinter einem Vorhang ist ein Loch im Boden. Jackpot. Diego und ich kämpfen uns durch die Meute, die überall rumsitzt und uns anschaut als wären wir von einem anderen Planeten. Normalerweise stört mich das nicht, gerade aber bin ich super genervt. Wir stehen vor einer Straßensperre, im strömenden Regen, mitten in der kolumbianischen Pampa. Keine Ahnung, wann es weitergeht. Die Leute wissen es selbst nicht, obwohl sie den Streik angezettelt haben. Typisch!
Zwischen all den schönen Reiseberichten mit noch schöneren Fotos wollen wir nun mal darüber schreiben, was alles nicht so läuft. Jede Reise hat ihre Schattenseiten - Dinge, die einen ärgern, an seine Grenzen bringen und auf die Dauer sehr müde machen. Denn der Weg zu jedem Ziel, den Alltag, den es neben den Highlights und der Kinderbetreuung zu meistern gilt, und alles, was sonst ungeplant dazwischen kommt, fordern ihren Tribut. Im Nachhinein verblassen diese Dinge glücklicherweise; es bleiben nur noch Erinnerungen an die "guten Zeiten" und ein paar lustige Anekdoten und Erinnerungen, die verbinden.
Dabei rede ich nicht vom Kulturschock oder dem geringeren Standard als in Europa. An Duschen ohne Duschkopf, Klos ohne Brille, Papier und Seife gewöhnt man sich.
Fahren bedeutet nicht Vorankommen
Das Fahren ist oft ein Grund zum Verzweifeln. Natürlich auch, weil wir verhältnismäßig viel Zeit auf der Straße verbringen. Wir versuchen uns die Strecken, so gut es geht, einzuteilen, die Tage nicht zu voll zu packen, denn so gut wie keine Etappe läuft, wie von Google Maps geplant. Stau ist da eher weniger das Problem (außer in Guatemala, wo gefühlt immer und überall alles verstopft ist). Vielmehr sind es Umleitungen oder Straßensperren, bei denen gar nichts mehr geht. Wir stehen über 3 Stunden im strömenden Regen vor besagter Blockade, die Bauern in Kolumbien an einer Brücke aufbauen. Tagesziel hinüber, wir schlafen an einer ultralauten, stinkenden Tankstelle.

Google Maps ist auch nicht immer zu trauen, die "ökonomischste" Route führt teilweise durch kleinste Gassen, so steil, dass wir ohne Untersetzungsgetriebe gar nicht hochfahren könnten. Von Straßenbau Vorschriften bezüglich erlaubter Neigung hat hier noch niemand gehört. In Peru schickt uns die Navigation auf eine geschotterte Passstrasse, die wohl ein paar Kilometer kürzer als der geteerte Highway durch's Tal ist. Bis wir es merken, ist es längst zu spät umzudrehen. Nach 5 Stunden Ripio ist unser Hirn nur noch Matsch und wir brauchen erstmal ein Bier.
In jedem Land der Reise (ausnahmslos!) gibt es Speedbumps, mal heißen sie Tumulos, mal Topes. Unvorhersehbar und an den unmöglichsten Stellen. Fahren im Dunkeln ist somit raus. In Uruguay hat uns der Versuch nach den ersten Kilometern außerhalb des Hafengeländes die Heckbox gekostet, gottseidank nicht mehr. Wie oft wir schon unsere Schubladen im Wohnraum, die es trotz entsprechender Sicherung aus Führungsschiene reisst, mühsam wieder reingefummelt haben, ist gar nicht mehr zu zählen.
Zu reparieren gibt's immer was
Die Straßen fordern auch beim Fahrzeug ihren Tribut. Mit unserem Toyota Landcruiser haben wir immerhin eine gute Wahl getroffen. Ein verlässlicheres Fahrzeug gibt's wohl nicht. Keine nicht selbstverschuldeten Schäden. Reparaturen sind nämlich nicht immer einfach - selbst bei Banalitäten. Beim Einparken auf dem engen Campingplatz am Lago Atitlan in Guatemala fahre ich unsere Heckbox an, die Nieten der Klappe brechen. Einfach zu ersetzen durch Schrauben mit Muttern. Denkste. Die haben wir natürlich nicht dabei (obwohl wir bestimmt 100 kg Werkzeuge und Ersatzteile an Bord haben). Weder andere Overlander noch der Campingplatz Besitzer können damit dienen... ich tingle von Baumarkt zu Baumarkt. Anscheinend kein übliches Handelsprodukt hier. Wir müssen mit Kabelbindern improvisieren, denn mit nicht schließbarer Box können wir keinen Meter fahren.

Information - Fehlanzeige
Oftmals müssen wir auch auf der Fahrt improvisieren, geplante Stopps funktionieren nicht, weil das Restaurant geschlossen ist oder der Supermarkt gar nicht existiert. Am besten hilft immer noch vor Ort fragen. Manchmal nicht mal das. Auf unserer letzten Fahretappe in Guatemala wollen wir nochmal volltanken. Wieso denn in Mexiko 30 Cent mehr für den Liter Diesel zahlen? Bargeld haben wir natürlich keines mehr, aber der geschäftstüchtige Tankwart versichert uns, dass wir mit Karte zahlen können. Nach 4 verschiedenen Karten, Lesen mit und ohne Chip, zwei Kartenlesegeräten und diversen Hotspots fangen wir an zu zweifeln. Eine halbe Stunde ist seit der Tankfüllung vergangen, eine weitere diskutiere ich mit dem Chef über die Bargeldoptionen, die wir anbieten können. Leider sind Euros hier gänzlich unbekannt. Und so fährt Micha 15 min zurück zum Geldautomat (kurioserweise an einer Shell Tankstelle) und löst uns nach insgesamt 90 Minuten aus... ob das die 30 EUR Ersparnis wert war?
Verlass Dich auf nix, sonst bist Du verlassen
Verlassen kann man sich eben auf nicht viel. Diego und ich warten stundenlang am Straßenrand in der karibischen Hitze Kolumbiens auf den Bus in die Stadt... keiner hält an. Bis heute winkt Diego jedem Bus, den er sieht.
Auf der Insel Tintipan werden wir - trotz am Vortag bestätigten Rücktransport - vom Boot vergessen. Ohne Windeln für eine weitere Nacht (Läden gibt's dort nicht). Aber auch im vermeintlich besser organisierten Ländern wie Mexiko ist es nicht anders. Es werden zwar Services wie HomeDelivery von größeren Ketten angeboten, auf den Campingplatz geliefert bekomme ich allerdings statt eines mobilen Bildschirms ein Basecap. Dahin die vermeintliche Zeit- und Geldersparnis, da ich für den Umtausch persönlich in der Filiale erscheinen muss :-)

Passport please
Straßenkontrollen gibt es überall zuhauf... ob Polizei, Militär, Paramilitär, Zoll oder nur irgendwelche Kinder - irgendjemand hält Dich immer an. Und alle kosten Zeit. Wenn es länger dauert und Diego gerade sein Nickerchen macht, wacht er deswegen zu früh auf (die Stimmung ist für den Rest des Tages entsprechend)... Glücklicherweise ist es oft mit einem netten Plausch auf Spanisch getan. Manchmal werden Papiere verlangt. Eine Polizistin in Bolivien hat mich an den Rand der Verzweiflung gebracht, da sie auf das Original meines Führerscheins bestand, den ich so gut versteckt hatte, dass ich ihn erst nach einer Stunde Suchen wiederfand.
Straßenpolizisten in Kolumbien stoppen uns (zu Recht) wegen unseres leckenden Abwassertanks. Nach langer Diskussion und unzähligen Entschuldigungen erlassen sie uns das angedrohte Bussgeld von 1.000 USD. Vielleicht auch, weil Micha alles filmt? War das ein Fall von korrupter Polizei? Wir wissen es nicht.

Definitiv korrupt war die Grenzbeamtin in Mexiko, die uns den Ausreisestempel nur gegen Bezahlung der Touristensteuer (50 USD pro Person, auch für Diego) in den Reisepass drücken wollte. Dass wir die Steuer schon bei Einreise mit dem Flugzeug automatisch gezahlt hatten, interessierte nicht... eine Quittung haben wir natürlich auch nicht bekommen.
Mal wieder beim Arzt
Krank sein ist nie schön, auf Reisen aber noch unpassender. Eine lose Krone, eine Infektion am Bein oder nicht endender Durchfall und schon braucht man einen Arzt. Termine gibt's in der Regel nicht. Man geht hin, vielleicht hat die Praxis auf, vielleicht nicht, vielleicht ist das Wartezimmer leer oder man hat etwa 25 Mütter mit kranken Kindern vor sich..
Wenn es nicht so akut ist, gehen wir oftmals erst in die Apotheke. Dort ist die Beratung meist okay und Medikamente bekommt man eh alle ohne Rezept (Ausnahme: Opium, das muss man sich woanders besorgen). Micha bekommt allerdings schon mal eine Fehldiagnose: ein Pilz an der rechten Wade. Wir kaufen völlig überteuerte Medikamente (ohne Quittung) und es wird nicht besser. Also doch zum Arzt. Da ist die Fehldiagnose Quote etwas niedriger, bei weitem aber nicht bei 100%. Micha schleppt seinen Chumpachurro im Kopf, den er sich wohl im bolivianischen Amazonas einfangen hat, monatelang und durch 3 Länder herum, bis die Larve schön fett ist und ein Arzt in Ecuador endlich das Ding rausoperiert.

Gute Nacht?
All das fordert einen ganz schön auf Dauer. Normalerweise ist alles schnell wieder vergessen nach einer guten Nacht. Leider gibt's da allerdings auch so einige potentielle Störfaktoren. Wir suchen unsere Stellplätze sorgfältig aus, jede negative Erfahrung fließt wiederum ein und so sind wir schon etwas wählerisch geworden. Vieles ist einfach unvorhersehbar. Einheimische, die nachts am kilometerlangen menschenleeren Strand von Puerto Malabrigo, Peru, wenige Meter neben uns parken und bei lauter Musik die ganzen Nacht trinken, Jugendliche, die in Chile auf dem großen Parkplatz mit ihrem Quad um unseren Camper kreisen... wir können leider mitten in der Nacht nicht einfach woanders hin. Und das Verständnis bei solchen Leuten, dass jemand hier schlafen will, ist gleich null.
Bellende Köter gibt's fast überall, keiner hat die Hundeschule besucht. Bellt einer, bellt die ganze Hood. Aber auch Pfaue, Esel und Hähne können ganz schon nerven. An unserem Surfstrand in Kolumbien, an dem wir etwa 3 Wochen verbringen, weckt uns der Frühaufsteher Hahn jeden Morgen um 4:30 Uhr. Wir bestellen zigmal Hähnchen im Restaurant - hilft nicht! Dannach überlegen wir noch wie wir Ihn am Besten selbst töten können, leider sind wir wohl nicht die Ersten und er sitzt zumeist auf hohen Bäumen.

Dazu kommt in vielen Ländern diese Affenhitze, auch nachts, die ohne Klimaanlage fast nicht auszuhalten ist. Und wo Hitze ist, sind Mücken. Die kommen durch jede Ritze in den Camper. Ganz schlimm sind die Sandfliegen, die ganz winzig sind und beißen. In der Tatacoa Wüste Kolumbiens wurden wir regelrecht überfallen und winden uns nächtelang vor lauter Jucken.

All diese Dinge belasten uns auf Dauer und da wir so eng aufeinander sind, kriegt jeder die Laune von den anderen voll ab. Es potenziert sich. Kein persönlicher Freiraum, um es zu entschärfen. Wir sind oft an unseren Grenzen, die Stimmung ist nicht immer schön. Sinnfragen kommen und gehen. Noch sind wir unterwegs und schon jetzt sind wir uns sicher, dass wir diese Zeit nicht missen möchten, weder als Paar noch als Familie. Umso mehr freuen wir uns auf Zuhause und wissen zu schätzen, wenn es Klopapier auf der Toilette gibt.
Manchmal hilft es ja auch schon, sich alles von der Seele zu schreiben - mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht :-)



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